Mittwoch, 22. November 2006

cs_erfurt oder de_gss ?

Und wieder ist ein durchgeknallter Soziopath an eine Waffe gekommen und Amok gelaufen. Und wie nicht anders zu erwarten nutzen diverse Politiker die Gunst der Stunde, um auf den Zug der Medien-Hysterie aufzuspringen. Die Suppe will schliesslich gelöffelt werden, solange sie noch heiss ist.
Das schwarze Lager schreit, in Form des Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Bosbach am lautesten nach einem Verbot sogenannter Killerspiele, wen wundert's. Dass Spiele wie Counterstrike und Doom sowohl Auslöser, als auch Trainingslager für Amokläufe(r) sind, wissen wir seit Erfurt. Das Fehlen einer Studie oder empirischen Untersuchung soll hier mal nicht weiter ins Gewicht fallen.

Spiegel-Online und die Welt.de berichten oft und gerne über die Tat, bzw. den Täter. Die Welt hat sogar zwei Bilderspecial ins Netz gestellt. Immerhin bezeichnet ein Spiegel-Artikel den Zusammenhang zwischen Gewalt und Videospiel als Mär und beschreibt recht genau um was es sich bei der (wieder) aktuellen Diskussion handelt: hysterisches Wunschdenken gepaart mit blindem Aktionismus und einer Menge Schnellschuss-Scheinargumenten.
Die Tatsache, dass Sebastian B. sich in der Mapping-Szene bewegte ist natürlich ein gefundenes Fressen, hat aber mit der Tat soviel zu tun wie Rainer Calmund mit einer Diät.

Eigentlich sollte jeder vernunftbegabte Mensch bereits nach Erfurt begriffen haben, dass diese Art der Herangehensweise an die tiefer liegende Problematik sinnfrei ist. Fassen wir einmal zusammen:

  • Gewaltspiele, Gewaltfilme und auch Pornos gehören nicht in die Hände Jugendlicher, geschweige denn Kinder (da kommen die Blagen früher ran , als einem lieb ist)
  • Obiges gilt auch für Alk, Kippen und andere Drogen, aber das nur nebenbei
  • Ich möchte als erwachsener, mündiger Bürger doch bitte selber entscheiden was ich gucke, höre, lese und/oder spiele - bin ja auch sonst für jeden anderen Scheiss eigentverantwortlich
  • Die meisten Politiker wissen überhaupt nicht wovon sie sprechen und kennen die verteufelten Spiele nur vom Hörensagen (was spricht dagegen mal eben ein Ründchen zu zocken, wenigstens um die Materie kennenzulernen ?)
  • Es muss schon viel früher im Laufe der Sozialisation etwas schiefgelaufen sein, um so vermurkst zu enden und genau da wären dann auch die Ursachen zu suchen.
  • Nicht zuletzt belegt auch der Abschiedsbrief, dass Sebastian B. gehörig die Pfanne heiss hatte.
Ein weiteres sehr simples Argument ist die Masse der Shooterspieler, egal ob CS, Battlefield, Doom und wie sie alle heissen. Die Welt wäre von potentiellen Amokläufern bevölkert, mentale tickende Zeitbomben überall. Demnach müssten wir jede Woche mindestens einen, wenn nicht mehrere Amokläufer allein hier in der BRD haben, würde dann also quasi schon in Richtung Marathon tendieren.

Trotz der furchtbaren Tat, die verübt wurde habe ich in gewisser Weise auch Mitleid mit dem Kerl. Das soll nichts entschuldigen, schon garnicht rechtfertigen, aber der Typ muss echt ein beschissenes Leben gehabt haben. Empfindet sich permanent als Verlierer, fühlt sich von Freunden betrogen, nicht erwiderte Liebe. Nun gut, das sind alles Dinge mit denen jeder mal zu kämpfen hat, von daher evtl. nachvollziehbar aber definitiv nicht akzeptabel.

Kommentare:

Don hat gesagt…

Sehr schön geschrieben! Trifft die Thematik meiner Meinung nach sehr gut. Schuldige schnell gefunden, Verbote schnell gefordert und ausgesprochen, Probleme in keinster Weise gelöst. Das mehr dazu gehört als CS zu spielen um eine solche Tat zu begehen sollte jedem klar sein. Schade das sich meißt die älteren Generationen vor dem neuen Medium so scheuen und ihre Kinder unkontrolliert alles auf ihrem Rechner machen lassen. "Aber um 20 Uhr ins Bett, Nachrichten könnten nicht gewaltfrei sein". Was da läuft, kennt man wenigstens.... Habe mich allerdings nicht weiter mit dem Hintergrund dieser Geschichte beschäftigt aber wenn man N24 bei dem Versuch erlebt, den ganzen Tag über dieses Thema (oder auch jedes andere ^^) zu berichten, möchte man den Fernseher aus dem Fenster werfen, in der Hoffnung, das die Köpfe die da gerade von den Moderatoren zu sehen waren den Schmerz des Sturzes spüren.

Chilli hat gesagt…

Glücklicherweise sind wir noch nicht soweit, dass diese Forderungen auch ebenso schnell in Form eines Gesetzes manifestiert werden. Aber allein die Tatsache, dass die Diskussion wieder aufkommt und gleich in solch einer Intensität, belegt doch eine Ignoranz sowohl auf Seiten der Politiker als auch in Bezug auf die Medien. Derselbe Mist passierte schon nach Erfurt. Selbsternannte Experten haben sich mit Äusserungen über die plötzlich existente Zocker-Subkultur verbal so in die Scheisse geritten, dass unsereins sich fragen musste ob das nun Satire oder Ernst ist (diese Frage stelle ich mir häufiger).